Gábor Hamza - Keine offizielle Bezeichnung

Mit großem Interesse habe ich den Artikel „Israel kritisiert polnisches Geschichtsgesetz scharf” (F.A.Z. vom 2. Februar) gelesen. Der Artikel bedarf einer Berichtigung. Die irrige Idee ist leider immer noch verbreitet, dass der Begriff bzw. die Bezeichnung „Drittes Reich” nach der Machtübernahme 1933 durch die Nationalsozialisten die offizielle, auch von der NSDAP und vom nationalsozialistischen Staatsapparat stark propagierte Bezeichnung Deutschlands sei.

Weithin unbekannt ist die Tatsache, dass Hitler selbst diesem Begriff bzw. dieser Idee gegenüber starke Vorbehalte hatte, obwohl sich das „Dritte Reich” vor der „Machtergreifung“ und danach auch zweifelsohne als sehr nützliches propagandistisches Mittel erwies. Erst der am 10. Juli 1939 vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda verabschiedete Erlass verbot ausdrücklich den offiziellen Gebrauch der Bezeichnung des „Dritten Reichs”. Im Sinne dieses Erlasses ist Deutschland ein völkischer Staat, der auf der völkischen Weltanschauung beruht und dessen offizieller Name „Großdeutsches Reich” ist. Weiterhin ist zu bemerken, dass auch die von der Waffen–SS gebrauchte Bezeichnung „Großgermanisches Reich” nicht als offizieller Name des NS-Staates betrachtet werden kann. Im ebenfalls vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda später, am 21. März 1942 bekanntgemachten Rundschreiben wird – aller Wahrscheinlichkeit nach dem britischen Modell des Empire folgend – angeordnet, dass die zukünftige Bezeichnung für das „neue Deutschland” schlichtweg das „Reich” sei.

Professor DR. DR. H. C. Gábor Hamza, Eötvös-Loránd-Universität, Budapest


In: Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland /F.A.Z./ Samstag, 10. Februar 2018 Nr. 35 Seite 22